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Wäisst Schlässchen

Die wechselvolle Geschichte des „Weißen Schlösschen“ in Berschbach

Vorgeschichte des „Weißen Schlösschen“


Der Erbauer des schlossartigen Herrenhauses in Berschbach, im Volksmund „Weißes Schlösschen“ genannt, kennen wir Michel Clement, geboren anno 1800 in Lischert (Arlon). Um 1830, also zur Zeit der belgischen Revolution kam Michel Clement, seines Zeichens „clerc de notaire“ nach Mersch und wurde Pensionär im damals bestbekannten Berschbacher Gasthaus Pettinger-Fischer (Hausname „Jaans“). Einer Hausliste der Gemeinde Mersch zufolge, arbeitete in jener Zeit eine gewisse Antoinette Divora, Kusine von Michel Clement im vorgenannten Gasthaus, das in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts abgerissen wurde.

Das „Fischer-Haus“ wie es später hieß, war ein prächtiges Gebäude, das sich schräg gegenüber dem „Hurtten-Haus“ (heutiger Eigentümer H. Emile Wies-Arendt) befand und zu diesem Zeitpunkt von der „Maréchaussée“ (seit dem 29.12.1840 heißt sie Gendarmerie) bewohnt war. Berschbach zählte zu diesem Zeitpunkt kaum eine Handvoll Häuser unter anderem auch der prachtvolle Bauernhof J.P. Sinner (Hausname „Thimmesch“ vererbt an die Familie Burton; Ende des vorigen Jahrhunderts abgerissen um einem modernen Wohnblock Platz zu machen).


Es war damals eine schwierige Zeit, sowohl in politischer als auch in sozialer Hinsicht. Das flache Land, in welchem das Elend und der Hunger groß waren, hatte sich der belgischen Revolution verschworen und wurde seit dem 07.02.1831 (Proklamation der belgischen Verfassung) als Provinz Belgiens betrachtet, mit Ausnahme der Festung und Garnison der Stadt Luxemburg unter Befehl von Generalmajor V. Goedecke. In diesen verworrenen Zeitumständen schaffte es Michel Clement sich als Notar in der Gemeinde Mersch zu etablieren, wo vormals die Notare J. Th. Joseph Leclerc (Bürostube im Hause Grommesch von 1814 – 1831) und J. Joseph Raphael (wohnte in der späteren Apotheke L. Fr. Wehenkel, danach P. M. Leop. Mayrisch; von 1824 – 1831) amtierten und als unmittelbare Konkurrenz den noch im Dienst stehenden Merscher Notar J. Fr. P. Louis Suttor hatte. Seit dem 19. April 1839 kommt es zu einer Neuordnung der politischen Verhältnisse in Luxemburg das nun bis 1890 in Personalunion mit Holland ein unabhängiges Großherzogtum bildet.

Als unter Wilhelm II am 12.10.1841 ein sogenanntes landständisches Parlament, deren Mitglieder vom König-Großherzog ernannt wurden, seine Arbeit aufnahm, wurde Michel Clement Deputierter des Kanton Mersch. Auch in den nächstfolgenden Wahlen (der Wahlzensus betrug damals 20 Gulden d.h. auf die damalige arme Landbevölkerung Luxemburgs mit insgesamt 177 628 Einwohner kamen nur 350 eigentliche Wähler) blieb Michel Clement Deputierter von Mersch bis zu seinem in Berschbach erfolgtem Tode am 19.01.1872. Zwischen den Amtszeiten von J. J. Joseph Servais (22.12.1854 – 05. 09.1859 sowie 11.06.1867 – 26.12.1878) als Bürgermeister der Gemeinde Mersch war der Merscher Notar M. Clement auch 1. Bürger seiner Heimatgemeinde (05.09.1859 – 20.03.1867).


Etwa Mitte des vorherigen Jahrhunderts kam es zum Bau des herrschaftlichen Wohnhauses in Berschbach. Mit ihm im Hause lebte das Schwesterpaar Margaretha und Antoinette Divora, beide unverheiratet, mütterlicherseits verwandt mit dem Hausherrn. Dem Sterbeakt zu folge, waren beide Frauen gebürtig aus Rollingen und starben in Berschbach; Antoinette am 28.01.1876, Margaretha am 05.06.1882.

Das gemeinsame Familiengrab mit ihrem Vetter befindet sich noch heutzutage auf unserm Friedhof. Das Geschwisterpaar Divora war Universalerbe der Nachlassenschaft des ledigen Notars ergo auch Erbe des „Weißen Schlösschens“. Sie waren wohltätig, wie dies übrigens zahlreiche Urkunden bezeugen. So schenkte beispielsweise Antoinette Divora kurz vor ihrem Tode, laut einem Dokument vom 11.12.1875, der Sektion Rollingen (siehe hierzu auch Gemeinderatsberichte vom 19.02.1876) die hohe Summe von 12 000 frs zwecks Einrichtung einer Kinderbewahrschule. Im Jahre 1878 wurde daraufhin in Rollingen (damals bestanden in den Gemeinden noch eigene Rechnungsregister) nach Bauplänen des Merscher Baukonduktors Hennes eine der ersten „Spielschulen“ unseres Landes errichtet.

Als erste Lehrerin dieser Kinderbewahrungsschule kennen wir Schwester Hyacinthe Collart, Schwägerin des vorgenannten Merscher Bürgermeister J. J. Joseph Servais, bestens auch bekannt als Mitgründer der ehemaligen Merscher Zuckerfabrik (1868-1886), Bruder des ehemaligen Staatsministers Emmanuel Servais verheiratet mit Caroline Collart, Tochter des Hüttenherrn von Fischbach und gestorben am 01.07.1890, 13 Tage nach dem Tode seines Bruders Emmanuel (17.06.1890 in Bad Nauheim). Als weitere Lehrerinnen der Rollinger „Spielschule“ amtierten die Damen A. Gillen und J. Cailler. Die Schüler sollten gemäß des Testamentes nicht jünger als 4 und nicht älter als 6 Jahre sein.


Auch die Kapelle von Rollingen wurde in Schenkungsakten erwähnt. Das „Weißen Schlösschen“ indessen, mit dem ganzen Bering, wurde, des Dorfchronik zufolge, an entfernte Verwandte, den Gebr. Arthur, Joseph und Jean-Baptiste Knaff, weiter vererbt. Deren Nachkommen boten das herrliche Anwesen zum Kauf an, wobei sich in erster Linie die Kongregation der Franziskanerinnen in Luxemburg interessierte. Man wollte in Mersch eine zusätzliche Zweigstelle eröffnen, doch der hohe Preis des Kaufobjekts (etwa 100 000 frs) war den barmherzigen Schwestern viel zu teuer.

Sie erwarben schließlich für 30 000 frs die Sommerresidenz der verstorbenen Eheleute J. P. Andre-Servais (Regierungskommissar bei der Internationalen Bank seit dem 25.04.1856) auf dem Merscherberg und gründeten daselbst ab 08.05.1889 das sogenannte „Merscher Kloster St. Joseph“.


Erst im Jahre 1917, also mitten in den Wirren des 1. Weltkrieges, kam durch Kaufakt in der Amtsstube des Arloner Notars J. P. Bosseler, das „Weiße Schlösschen“, mit seinem ganzen Bering, der sich im Laufe der Zeit auf cira 25 ha erweiterte, in den Besitz der Eheleute Winandy-Scheibe.


Von der Entstehung des Namens „Weißes Schlösschen“

Wenn die wahren Begebenheiten ganz oder teilweise im geschichtlichen Nebel verschwinden, bildet sich meistens ein reiches Sagen- und Legendenband, das sich auf ewige Zeiten treu bleiben wird. Trotz seines kaum 150-jährigen Bestehens erlebte das schlossähnliche Gebäude in Berschbach ein wechselhaftes Schicksal und entbehrt auch nicht mancher undurchschaubaren Begebenheit. Wie dem auch sei, der Name „Weißes Schlösschen“ basiert auf einer kleinen Erzählung aus der Feder des ehemaligen Druckereibesitzers Franz Faber aus Mersch, welche ich übrigens bereits in der Brochüre „Chronik von Rollingen/Mersch“ (1998) kommentierte und wortwörtlich an dieser Stelle wiederholen möchte:

“Es ist dies die Geschichte des Landnotars Michel Clement, der im letzten Jahrhundert als Lebemann fürwahr ein daseinsfreudiges Gebaren auf seinem selbsterbauten Schloß zur Schau stellte. Der Herr Notar war ein eingefleischter Junggeselle und lebte mit einer großen Dienerschaft und zwei entfernt verwandten Kusinen in dem prachtvollen Haus umgeben von einer schönen Gartenanlage mit kiesbestreuten Gartenwegen und einem lustig sprudelden Springbrunnen.

Notar Clement war nicht der beste Katholik, später stellte es sich sogar heraus, dass er Mitglied der Freimaurerloge in Luxemburg war, – ein Dorn im Auge der Kleriker.

Erzählt wird folgende Mär: … An einem Julisonntag in den 80er Jahren besuchte der einstige Schulfreund Nik. Lorang, damals Dechant in Mersch, seinen Klassenkameraden Michel Clement auf dessen Landsitz in Berschbach.

Als Seelsorger machte der Dechant dem lebenslustigen Notar Vorbehalte über dessen unreligiösen Lebenswandel und gab ihm zu bedenken, dass er ein ärmliches Begräbnis zu erwarten hätte, sollte er dann einst sterben. Notar Clement erwiderte lachend, dass er noch lange nicht ans Sterben denke und wenn schon, würden wohl alle in Scharen herbeiströmen, um an seiner Bestattungsfeier teilzunehmen. Drei Monate später nach dieser trotzdem freundlich verlaufenen Begegnung zwischen Hochwürden und Notar Clement ereilte letzteren während eines opulenten Jagdessens der Tod. An der anschließend stattfindenden Begräbnisfeier nahm eine große Menschenmenge teil und dies aus gutem Grunde.

Laut Testament hatte der Verstorbene verfügt, dass jedem Erwachsenen der Gemeinde, der an seinem Begräbnis teilnimmt eine Gutschein zu einem guten Essen auf Kosten der erbberechtigten Hinterlassenschaft, in einem der drei Gasthäuser in Mersch (Weyer-Schons-Steffen) auszuhändigen wäre. So erhielt Notar Clement ein fast fürstliches Zivilbegräbnis und Dechant Lorang der brevierbetend unter der Kastanienbaumalle am Michelsplatz auf und ab ging, konnte nur nachdenklich und missbilligend dem imposanten Leichenzug nachschauen…”


Ob gewollt oder nicht, Herr Faber pflanzt seine Novelle in die 80er Jahre, was aber nicht ganz der Realität entspricht, denn Michel Clement, auch bekannt als Bürgermeister und Deputierter von Mersch wurde 1800 in Lischert (Arlon) geboren und starb unverheiratet am 19.01.1872 in Berschbach. Auch die Daten bezüglich Dechant Lorang stimmen nicht, denn Nik. Lorang, geb. 04.12.1840 in Monnerich war Dechant in Mersch vom 22.11.1875-23.05.1888 und verstarb im Mai 1888 in seinem Amt in Mersch d.h. Clement war bereits über 3 Jahre tot als Lorang nach Mersch kam. Der schönen Erzählung von Herrn Fr. Faber tat diese Zeitverschiebung jedoch keinen Abruch, es ist ja nur eine Geschichte.

So weit die resümierte Geschichte von dem „Weißen Schlösschen“ aus alten Tagen, doch wenden wir uns nun der neueren Geschichte zu, die nicht weniger interessant ist:


Die Ära der Familie Ad. WINANDY-SCHEIBE

Wie bereits berichtet kam das Anwesen des früheren Notars Michel Clement durch den Kaufakt in der Notarstube von J. P. Bosseler in Arlon in den Besitz der Familie Adolf Winandy-Scheibe. Letzterer, seines Zeichens Kaufmann und Landwirt, geboren am 25.01.1877 in Rollinger Grund ging am 12.07.1912 in Hamburg die Heirat ein mit Hertha Scheibe, geboren am 30.04.1889, Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns und Verlagsbesitzer in Hamburg.

Nach ihrer Heirat nahm Frau Hertha Winandy die luxemburgische Nationalität durch Option an. Das Ehepaar benutzte die Liegenschaft in Berschbach anfangs nur als Feriensitz, errichtete aber in den 20er Jahren hier einen landwirtschaftlichen Betrieb, welcher Herr Ad. Winandy aber etwa nach „preussisch-junkerlicher Art“ führte. Frau Hertha Winandy, welche nach der Heirat ihr Medizinstudium abbrach, brachte vier Söhne ans Licht der Welt: Adolf (13.04.1913), das Zwillingspaar Kurt Reinhart und Ernst (01.07.1914) sowie Günther (19.04.1921), allesamt in Hamburg geboren. Der Erstgeborene Adolf, von Beruf Doktor der Philosophie fiel an der Ostfront als deutscher Soldat am 06.12.1942 (nahe Litwinow).

Kurt Reinhard, gelernter Kaufmann, litt unter starken epileptischen Anfällen. Er ist der älteren Generation besonders gut in Erinnerung, stets begleitet von seiner getreuen Pflegerin Charlotte Horn, die zugleich die Funktion einer „Gesellschafterin“ bei Frau Hertha Winandy ausübte.

Anlässlich einer Geschäftsreise am 14.05.1965 im Auto, mit seiner Sekretärin Charlotte Schommer am Steuer, verunglückte Kurt Reinhard (liebevolle „Reini“ bei seinen Verwandten und Freunden genannt) in Herford (Hannover) tödlich. „Reinis“ Zwillingsbruder Ernst, ebenfalls körperlich behindert, war bereits am 28.01.1932 in Hamburg gestorben. Der Jüngste, Günther, ohne Beruf, starb am 22.09.1945 in Rollingen.

Alle vier Söhne waren luxemburgischer Nationalität, katholischen Glaubens, und ledig. Mit Ausnahme von Adolf, dem Erstgeborenen, waren sie körperlich behindert. Ein Schicksal, das die gute Frau Winandy mit bewundernswerter Charakterfestigkeit ertrug. Fast taub und nahezu erblindet, jedoch bei geistiger Frische, starb die leidgeprüfte, anspruchslose Philanthropin in Hamburg am 21.10.1980.

Ihren Ehemann, Adolf, hatte der Tod bereits am 16.09.1955 in Berschbach heimgesucht. Um sie trauerte vor allem ihre langjährige Vertraute Charlotte Horn (1991) sowie ihre Schwester Idalisa Bene geborene Scheibe.

Frau Hertha, die abwechselnd in Hamburg und Berschbach wohnte, hatte der Luxemburger Blindenvereinigung im Jahre 1968 das „Weiße Schlösschen“ nebst einem Bering von etwa 5,5 ha durch einen Schenkungsakt übergeben.


Schlusswort

Es ist wahr, mit der gütigen Hilfe von Frau Hertha Winandy-Scheibe, konnte in Berschbach ein großes Werk gelingen, das besonders zum Wohl unserer blinden Mitmenschen diente. Sie war zeitlebens ein leidgeprüfter Mensch, der sich aber nicht von Schicksalsschlägen niederbeugen ließ. Sie wusste als hoch intelligente Frau, dass nur ein starkes Herz das Schicksal zwingen kann.

Und es ist sicher kein Zufall, dass sie einen Grossteil ihres Vermögens den Blinden nach ihrem Tod vererbte. Denn auch diese Menschen wurden, viele sogar seit ihrer Geburt, vom Schicksal hart „geklopft“ und müssen ihr Los mit Würde tragen, denn es ist fast wichtiger, wie der Mensch sein Schicksal nimmt, als wie es ist.


Frau Hertha Winandy-Scheibe war eine bescheidene Person, edel von Charakter, ein sozusagen reservierter Mensch, der das Maß des Gewöhnlichen und Alltäglichen um ein gutes Stück überragte, vor allem, aber mitfühlend für die vom Schicksal hart geprüften Mitmenschen.

Mit ihrer stillen Freundlichkeit und Güte ist sie uns allen lieb gewesen und so wird man sie in dankbarer Erinnerung behalten und uns unwillkürlich auch an ein Gedicht (betitelt: Gebet) von Eduard Mörike (1804-1875) denken lassen:


Herr! Schicke, was du willst,
ein Liebes oder Leides;
ich bin vergnügt, dass beides
aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden.

 

Roger HILBERT – Mersch